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Essstörungen- Wie spreche ich es an ?

Essstörung am Arbeitsplatz oder in der Familie:
Wie spreche ich es an?

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Einen Kollegen oder ein Familienmitglied auf Auffälligkeiten, die auf eine Essstörung hindeuten, anzusprechen, ist immer mit Unsicherheit verbunden. Wir haben mit Dr. Carl Leibl, Chefarzt und Experte für Essstörungen, und Dr. Silke Naab, Chefärztin und Leiterin der Jugendabteilung, über mögliche Anzeichen einer Essstörung gesprochen und wie man sich verhalten sollte.

Wie erkenne ich, ob eine Person in meinem Umfeld an einer Essstörung leidet?
Dr. Carl Leibl: Bei einer Magersucht sind äußerliche Veränderungen sichtbar, da die Betroffenen stark abmagern. Aus medizinischer Sicht sprechen wir bei einem Body-Mass-Index (BMI) unter 17,5 von einer Magersucht (BMI = Körpergewicht in kg / (Körpergröße in m)²). Weitere Kriterien können das Ausbleiben der Regelblutung bei Frauen, die ständige Angst, zu dick zu sein oder zu werden, sowie Körperschemastörungen, d.h. sich bei deutlichem Untergewicht zu dick zu fühlen, sein.

Dr. Silke Naab: Dagegen kann eine Bulimie, also Ess-Brechsucht, hinsichtlich des Körpergewichts und des Essverhaltens lange versteckt bleiben, da viele Betroffene normalgewichtig sind. Patientinnen oder Patienten mit Bulimie leiden unter häufigem Heißhunger mit nachfolgenden Essanfällen, in denen sie übergroße Nahrungsmengen zu sich nehmen und ansonsten verbotene Nahrungsmittel essen. Aus großer Angst vor einer Gewichtszunahme erbrechen die Betroffenen ihre Mahlzeiten wieder, nehmen Abführmittel ein oder versuchen, die aufgenommenen Kalorien anderweitig zu korrigieren.

Dr. Carl Leibl: Grundsätzlich sollte man jedoch keine voreiligen Schlüsse ziehen und nicht automatisch an eine Essstörung denken, wenn eine Person in seinem Umfeld sehr dünn ist, da es auch bei Gesunden ganz unterschiedliche Gewichtsklassen und Körperformen gibt. Stattdessen rate ich, das möglicherweise veränderte Verhalten zu registrieren und dem Betroffenen gegenüber seine objektiven Beobachtungen anzusprechen.

Gibt es noch weitere Anzeichen für eine Essstörung, z.B. im Arbeits- oder Sozialverhalten?
Dr. Carl Leibl: Ein Anzeichen könnte zum Beispiel sein, dass der Kollege nicht mehr mit in die Kantine geht oder sagt, er habe schon gegessen. Auch ein verändertes Essverhalten, wenn der Kollegen also plötzlich sehr wenig isst oder übertrieben großen Wert auf gesunde Ernährung legt, kann ein Hinweis sein. Aber auch hier sollte man immer daran denken, dass es Kollegen gibt, die abends zu Hause ihre Hauptmahlzeit einnehmen und deshalb tagsüber weniger essen.

Dr. Silke Naab: Personen mit einer Essstörung sind häufig zurückgezogen und meiden den näheren, persönlichen Kontakt zu Anderen. Nicht selten ist auch ein verschämter Umgang mit dem Körper zu beobachten, der sich z.B. durch das Anziehen sehr weiter Kleidung äußert. Weitere unspezifische Anzeichen können auch im Arbeitsverhalten zu finden sein, wenn beispielsweise die Konzentration des Kollegen nachlässt, er launisch ist und nicht mehr so arbeitet wie bisher. Es kommt jedoch auch vor, dass sich Personen mit einer Essstörung im Kontakt mit Anderen oder im Rahmen der Arbeit unauffällig verhalten, so dass die Problematik nicht bemerkt wird.

Und wie äußert sich eine Essstörung bei Kindern und Jugendlichen?
Dr. Silke Naab: Häufig beginnt es damit, dass betroffene Kinder oder Jugendliche nicht mehr am gemeinsamen Essen im Kreise der Familie teilnehmen möchten. Da diese Reaktion natürlich auch als typisch pubertäres Verhalten gewertet werden kann, wird eine Essstörung oft nicht sofort bemerkt. Wenn sich das Kind aber insgesamt zurückzieht und nicht mehr an gemeinsamen Familienaktivitäten teilnimmt, oder auch insgesamt verschlossener wird, können dies schon eindeutige Zeichen sein. War das Essverhalten des Jugendlichen bisher ganz normal, so z.B. ein starkes Verlangen nach gesundem oder vegetarischem Essen oder der strikte Verzicht auf Süßigkeiten ebenfalls Hinweise auf eine beginnende Essstörung sein. Kinder & Essstörungen Einen Betroffenen auf meine Beobachtungen anzusprechen ist besonders im Arbeitsumfeld keine leichte Aufgabe. Wie sollte ich dabei vorgehen? Sprechen Sie den Kollegen direkt an und äußern Sie Ihre Sorgen.

Dr. Carl Leibl: Gerade weil es so schwierig ist, wird am Arbeitsplatz zwar über Kollegen getuschelt, die beispielsweise besonders schmal sind, jedoch wird die betreffende Person nicht direkt angesprochen. Unser wichtigster Ratschlag ist deshalb, dem betroffenen Kollegen gegenüber seine eigenen Beobachtungen zu äußern und ehrliche Sorge auszudrücken. Empfehlenswert ist es, dabei Ich-Botschaften zu formulieren, wie z.B. „Ich finde, du bist sehr, sehr dünn geworden und ich mache mir wirklich Sorgen um dich“ oder „Es würde mich freuen, wenn du dir Hilfe bei einem Arzt oder Therapeuten suchst“. Der Angesprochene sollte einen nicht als Bedrohung empfinden, sondern eine ehrliche Besorgnis spüren. Versuchen Sie nicht, Tipps oder Ratschläge zu geben, wie sich das Essverhalten wieder normalisieren lässt, sondern weisen Sie auf die mögliche Hilfe durch Experten hin.

Haben Vorgesetzte hier eine besondere Fürsorgepflicht?

Dr. Carl Leibl: Man kann als Führungskraft nicht einfach wegschauen, auch wenn das leider oft passiert. Natürlich hängt es stark von der Beziehung zwischen Mitarbeiter und Vorgesetztem ab, ob man eine mögliche Essstörung direkt anspricht. Grundsätzlich rate ich aber jedem, der sich echte Sorgen macht, seine Beobachtungen offen zu kommunizieren und dem Betroffenen ans Herz zu legen, sich Hilfe zu holen.

Dr. Silke Naab: Ich denke, das gilt ganz grundsätzlich, nicht nur für den Umgang mit Essstörungen: Führungskräfte sollten ein offenes Arbeitsklima sowie einen vertrauensvollen Rahmen schaffen, in dem die Mitarbeiter keine Angst vor einem „Gesichtsverlust“ oder gar einem Jobverlust haben müssen, wenn sie gegenüber ihrem Chef beispielsweise gesundheitliche Probleme thematisieren. Und wie sollten Eltern vorgehen, die ihrem betroffenen Kind ja viel näher stehen?

Dr. Carl Leibl: Häufig besteht die Gefahr, dass Eltern über das Kind sprechen, aber nicht mit dem Kind. Auch hier ist es wichtig, dass sie ihre Sorgen und Ängste ausdrücken und die von ihrem Kind geschilderten Probleme ernst nehmen. Eltern sollten die Schuldfrage vermeiden, dabei vielmehr die Auslöser und die die Essstörung aufrecht erhaltenden Faktoren erfragen. Und noch ein wichtiger Hinweis: Eltern können ihr Kind nicht therapieren – das sollte an einem Therapieplatz erfolgen. Deshalb ist professionelle Hilfe wichtig, damit die Verantwortung geteilt werden kann.

Dr. Silke Naab: Eltern sollten ihrem Kind gegenüber keine Phantasien oder Drohungen wie „Du wirst sterben!“ äußern. Auch von heimlichen Aktivitäten, wie z.B. das Kind ohne Rücksprache in einer Therapieeinrichtung anzumelden, raten wir unbedingt ab, da dadurch schnell Machtkämpfe innerhalb der Familie entstehen. Stattdessen sollten Eltern ihr Kind dazu bewegen, einen Arzt oder Therapeuten aufzusuchen, und es auch dorthin begleiten. Falls das Kind eine medizinische oder therapeutische Hilfe ablehnt, sollten die Eltern das weitere Vorgehen offen mit dem Kind und dem behandelnden Arzt oder Therapeuten über das notwendige weitere Vorgehen sprechen. Ein weiterer wichtiger Hinweis: Sprechen Sie als Mutter oder Vater das gestörte Essverhalten ihres Kindes nicht während der Mahlzeiten an, da es dann sowieso schon angespannt ist und Ihre Anmerkungen als Kritik und Bevormundung sieht. Gleichzeitig sollten Eltern ihre eigenen Essgewohnheiten beibehalten und auch Geschwisterkindern weiterhin die gleiche Aufmerksamkeit zukommen lassen. Gibt es Risikofaktoren für eine Essstörung und können Eltern diese verhindern bzw. minimieren? Eine geregelte Mahlzeitenstruktur und das gemeinsamen Essen ist gerade für Kinder und Jugendliche extrem wichtig.

Dr. Silke Naab: Bekanntermaßen gibt es verschiedene Faktoren, die zur Entstehung und Aufrechterhaltung einer Essstörung beitragen können (wie z.B. Persönlichkeit, Umfeldfaktoren in Schule oder Familie, gesellschaftliche Faktoren, genetische Veranlagung etc.). Die Familie kann dabei den Verlauf einer bestehenden Erkrankung positiv als auch negativ beeinflussen. Mögliche Risikofaktoren in der Familie können sein: ein Kommunikationsstil, der durch Streit geprägt ist, kritische Partnerschaft der Eltern, chronische Erkrankung eines Elternteils oder eines Geschwisters, Verlusterlebnisse in der Familie, oder auch strikte Wertvorstellungen, die vom Kind übernommen werden. So können ein sehr kontrolliertes Sport- und Essverhalten mit ausgeprägtem Schlankheitsideal in der Familie durchaus Risikofaktoren sein. Auf der anderen Seite sind z.B. eine geregelte Mahlzeitenstruktur und der Stellwert des gemeinsamen Essens als sozialer Treffpunkt gerade für Kinder und Jugendliche extrem wichtig. Die genannten Punkte sind aber nie allein verantwortlich für die Entstehung einer Essstörung. Positiv können Eltern ihr Kind darin unterstützen, ein gutes Selbstwertgefühl zu entwickeln, das ihm erlaubt, seine eigene Meinung zu äußern und eigene Entscheidungen zu treffen. Zudem sollten Eltern gerade bei scheinbar „unauffälligen“ und „unkomplizierten“ Kindern ansprechbar sein für mögliche Sorgen, Ängste oder Zweifel, über die diese von sich aus nicht zu sprechen wagen.

Kann ich als Kollege oder Angehöriger sonst noch irgendwie helfen?

Dr. Carl Leibl: Natürlich können Sie helfen. Suchen Sie zum Beispiel nützliche Informationen sowie Adressen, z.B. von Selbsthilfegruppen, heraus, damit Sie Ihrem betroffenen Kollegen im Gespräch vermitteln können: „Es gibt Experten, die dir helfen können.“ Zudem können Sie Ihre Unterstützung bei der Suche anbieten und den Betroffenen dorthin begleiten. Am wichtigsten erscheint, dass Betroffene Eigeninitiative bei der Suche nach Hilfe bzw. einem Therapieplatz entwickeln.

Dr. Silke Naab: Betroffenen Eltern rate ich, sich umfassend über Essstörungen zu informieren. Aber: Eltern müssen nicht alles selbst ansprechen. Holen Sie einen neutralen Ansprechpartner aus dem privaten Familienumfeld an oder einen Freund Ihres Kindes mit ins Boot.

Sollten Eltern sich selbst Hilfe holen, wenn ihr Kind erkrankt ist?

Dr. Silke Naab: Wir empfehlen den Eltern von Kindern, die an einer Essstörung erkrankt sind, frühzeitig Rat und Unterstützung zu suchen. Die Erkrankung ist gerade für Eltern eine große Belastung, da sie nachvollziehbarer Weise emotional stark involviert sind. Daher wären sie überfordert, ihrem Kind alleine bei der Bewältigung der Erkrankung zu unterstützen. Das Kind benötigt professionelle therapeutische Unterstützung durch eine Person außerhalb der Familie. Die Eltern können sich z.B. an Selbsthilfeeinrichtungen oder Beratungsstellen in der Nähe wenden, bei denen in der Regel auch Gesprächsgruppen für Angehörige angeboten werden. Gegebenenfalls empfiehlt es sich auch, selbst therapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Entnommen Webseiten Schön Kliniken 14.11.13

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